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Bestenlisten – Fifty Shades of Men

Literaturkritiker, Kulturredakteure und Feuilletonisten fühlen sich in unregelmäßigen Abständen bemüßigt, Leselisten herauszugeben – heiße Must-haves der Weltliteratur, die jeder gelesen haben sollte, der was auf sich hält. Jahrelang gehörte ich zu den blinden Jüngern, die solche Listen dankbar als Kompass im Dickicht des Literaturdschungels genutzt haben. Und jetzt ratet mal, wie viele Frauen mir dort empfohlen wurden?

Hier ein kurzer Abriss:

In der „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“ findet sich gerade mal ein (ja, richtig gelesen!) EIN Buch, das von einer Frau geschrieben wurde. Nur Anna Seghers hat es in den Augen der ausschließlich männlichen Jury verdient, in die Muss-man-gelesen-haben-Runde aufgenommen zu werden. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Kanon Ende der 1970er entstand, also eben auch ein Produkt seiner Zeit war, doch warum hält es 40 Jahre später noch immer niemand für nötig, diese Liste zu aktualisieren? Bis heute gilt der (immer wieder neu aufgelegte, aber unveränderte) Kanon als einer der bekanntesten Richtungsweiser der Literatur.

Schriftstellerin Anna Seghers schaffte es auch in das Magnum Opus von Marcel Reich-Ranicki – auf die Liste der „20 wichtigsten Romane der deutschsprachigen Belletristik“, mit deren Auswahl sich der Literaturpapst nach eigener Aussage „sehr viel Mühe gegeben“ hatte. Erneut war Seghers die einzige Frau. Zugegebenermaßen ist eine Top 20 auszuwählen härter als eine Top 100, noch dazu, wenn sie sich ausschließlich auf deutschsprachige Belletristik bezieht, aber gibt es in den Augen gebildeter, belesener Literaturkritiker wirklich so wenige empfehlenswerte Werke von Autorinnen, denen (nach der Definition eines Literaturkanons) „in der Literatur ein herausgehobener Wert bzw. eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung“ zugeschrieben werden kann? Was ist mit Elfriede Jelinek oder Herta Müller? Immerhin zwei von 15 Nobelpreisträgerinnen (bei 101 männlichen Preisträgern). Was ist mit Christa Wolf, Monika Maron oder Marlen Haushofer?

15 Jahre nach Reich-Ranicki versuchte sich der Spiegel 2016 an einer umfangreicheren und diverseren Best-Of-Sammlung, denn „unsere Welt hat sich verändert“, so die Kulturredakteure. Dreizehn Autorinnen (unter ihnen Jelinek, Müller und Maron) schafften es auf die Liste der „50 wichtigsten Romane unserer Zeit“, was immerhin bedeutet, dass jedes vierte Buch in der Auswahl von einer Autorin stammt. Bei einer Frauenquote von 26 Prozent stellt sich dennoch die Frage, warum man den Franzosen Michel Houellebecq gleich DREIMAL nominieren musste.

Fragen kann man sich auch, ob es angesichts der eh schon vorherrschenden Dominanz männlicher Autoren in Feuilleton & Co wirklich einen „Soulmate“-Bücherschuber der Süddeutschen Zeitung braucht, in dem zehn Männer versammelt sind, die für Männer über Männer schreiben. (Ein „Soulmate“-Frauenschuber ist – Überraschung! – nicht geplant.)

Apropos Männer, die über Männer schreiben … um den medialen Raum, den diese Buddy-Konstellation einnimmt, soll es im nächsten Beitrag gehen.

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