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Klassisch männlich – Die Gender Gap in meinem Bücherregal

Ein Erklärungsversuch

Niemand verschwendet gerne kostbare Lebenszeit mit schlechter Lektüre. Deshalb greifen wir oft nach diversen Orientierungshilfen, wenn wir uns durch die unendlichen Weiten des Bücherkosmos bewegen. Die einen vertrauen auf Empfehlungen von Freunden oder Lieblingsbuchhändlern, andere treten einem Buchclub bei und wieder andere schwören auf 1-Sterne-Rezensionen, um potenziellen Ärgernissen gekonnt auszuweichen.

Neues betrachten wir stets mit Argwohn, Vertrautes gibt uns hingegen ein gutes Gefühl. Gefällt uns ein Buch, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir weitere Werke der Autorin oder des Autors lesen werden. Gefällt uns ein Genre, machen wir es uns dort gemütlich.

Auch ich habe eine bestimmte Taktik bei der Suche nach gutem Lesestoff. Da ich eine gewisse Skepsis gegenüber aktuellen Bestseller-Hypes hege, habe ich meine Fühler meistens eher in Richtung Vergangenheit ausgestreckt. Die guten alten Klassiker waren für mich seit jeher eine sichere Bank. Hey, wenn die ollen Schinken Jahrhunderte überdauert haben und so vielen noch immer weltweit vorzüglich munden, kann man bei der Auswahl nichts falsch machen, oder?

In den meisten Fällen traf das durchaus zu, auch wenn ich über die ersten zähen Seiten endlos dröger Walbeschreibungen bei „Moby Dick“ nie hinausgekommen bin und Holden Caulfield mich tierisch genervt hat. Alles in allem habe ich bei Rendezvous mit den Klassikern der Weltliteratur wenig Enttäuschungen erlebt. Doch eines ist mir jetzt klar geworden: Wer seine Bücher so auswählt, wählt überwiegend männlich.

Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, umso weniger Schriftstellerinnen wird man antreffen. Frauen waren andere Aufgaben zugedacht. „Literatur kann nicht die Hauptbeschäftigung im Leben einer Frau sein“, bekam Charlotte Brontë von Hofdichter Robert Southey zu hören. Sie und ihre Schwestern waren nicht die Einzigen, die vorerst lieber unter Pseudonym veröffentlichten. Jane Austen, Mary Shelley, Mary Anne Evans (besser bekannt als George Eliot) – die Hürden, die Frauen überwinden mussten, wenn sie ausgetretene Pfade verlassen wollten, um sich dem Schreiben zu widmen, waren groß; der Gegenwind in seiner kühlen Feindseligkeit erbarmungslos.

Wenn Schriftstellerinnen entgegen aller vergifteten Erwartungen doch Erfolg hatten, wurde dieser vermännlicht oder kleingeredet. „Stolz & Vorurteil“ sei viel zu clever, um von einer Frau geschrieben worden zu sein. „Frankenstein“ könne wohl kaum aus der Feder einer 19-Jährigen stammen, die nie zur Schule gegangen war. Der gängigen Meinung nach besaßen Frauen zwar genug Fantasie, wohl aber nicht das nötige Talent, um diese in gute Bücher zu verwandeln.

Und so ist der Zug der Literaturgeschichte zwar vollbesetzt mit großen Erzählern und ihren lesenswerten Geschichten, die Damen der Zunft hat man jedoch in ein kleines Abteil im hintersten Wagon gesperrt und man muss schon sehr genau suchen, um sie dort zu entdecken.

Über die großen Themen der Menschheit können eben nur Männer schreiben – darüber war man(n) sich Jahrhunderte lang einig und dieser fatale Irrtum scheint sich noch immer hartnäckig in vielen Köpfen zu halten. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man sich so manchen Literaturkanon anschaut.

Mehr dazu im dritten Teil.

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