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Medienpräsenz – Von Platzhirschen und Einhörnern

Ich habe mir neulich den Spaß gemacht und die Bücher, die im letzten Jahr im „Literarischen Quartett“ besprochen wurden, nach Autorinnen und Autoren ausgezählt. An dieser Stelle schnipse ich mal kurz einen Trommelwirbel herbei, um die Spannung für einige Sekunden länger in die Höhe zu treiben, obwohl eigentlich jeder, der meine Artikelserie bis hierher verfolgt hat, ahnen dürfte, worauf es hinauslaufen wird.

Richtig! Mit nur einer Ausnahme kamen in jeder Sendung auf eine vorgestellte Autorin drei ihrer männlichen Kollegen. Von insgesamt 24 besprochenen Büchern stammten lediglich sieben aus der Feder einer Frau. Anders formuliert: Mit rund 70 Prozent lag das Gewicht des „Literarischen Quartetts“ 2019 eindeutig auf den Herren der Zunft.

Doch, halt! Das ist ja nur ein Format von vielen. Das kann man doch sicher nicht so einfach verallgemeinern. Oder?

WissenschaftlerInnen des Instituts für Medienforschung an der Philosophischen Fakultät Universität Rostock gingen in ihrer Pilotstudie zur „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ genau dieser Frage nach und kamen zu eindeutigen Ergebnissen. Auch hier überwiegen Rezensionen von Büchern männlicher Autoren, und zwar in ähnlicher Ausprägung. Während 33 Prozent der medialen Beiträge sich auf Autorinnen bezogen, bekamen ihre männlichen Kollegen mit 64 Prozent den Großteil der Aufmerksamkeit.

Unter dem Hashtag #frauenzählen und der dazugehörigen Webseite finden sich weitere bemerkenswerte Erkenntnisse aus der Studie, die hier kurz zusammengefasst sind:

  • Auf eine Autorin kommen zwei Autoren. In allen Medien (mit Ausnahme von Frauenzeitschriften) wird Autoren bei Besprechungen eine häufigere Aufmerksamkeit entgegengebracht: Zwei Drittel der rezensierten Bücher sind von Männern verfasst worden.
  • Kritiker schreiben vor allem über Männer. Und Kritikerinnen? Meist auch. Drei Viertel aller von Männern besprochenen Werke sind von Autoren verfasst. Kritikerinnen besprechen ausgewogener, doch auch überwiegend Männer.
  • Die größten Ungleichgewichte: Das Sachbuch und das Krimigenre. Im Bereich Sachbuch ist lediglich jedes fünfte durch einen Mann rezensierte Buch von einer Frau verfasst. In der Kriminalliteratur liegt der Anteil noch darüber. In diesem Genre rezensierten mit 82% Männer am liebsten Männer.
  • Mehr Raum für Männer, die über Männer schreiben. Die von Kritikern verfassten Besprechungen sind deutlich ausführlicher als die von Kritikerinnen.
  • TV als Domäne von Autoren – nur im Radio sind Autorinnen unüberhörbar.

    Quelle: frauenzählen.de

In den USA – aus denen ja auch immer ein nicht unerheblicher Teil an literarischem Medienhype zu uns hinüberschwappt – schaut man bereits seit zehn Jahren genauer hin. Vida Count erfasst die Geschlechterverteilung bei den Rezensionen namhafter Printmedien wie dem New Yorker, der New York Times, The Atlantic oder Harper’s. Und auch wenn sich auf der anderen Seite des großen Teichs in den letzten Jahren kleine, aber stetige Fortschritte hin zu gleichberechtigter Medienpräsenz gezeigt haben, schlägt das Barometer immer noch deutlich zugunsten männlicher Autoren aus. Von 15 analysierten Magazinen in der Hauptgruppe schafften gerade mal drei einen Frauenanteil von 50 Prozent oder höher.

Und auch in Großbritannien ist man noch ein ganzes Stück von ausgeglichener Berichterstattung entfernt. Der Emilia-Report beantwortet die Frage nach dem Gender-Bias in den Medien aus einem etwas anderen Blickwinkel. Hier wählte man zunächst fünf Autorinnen und fünf Autoren, die von Genre und Status vergleichbar waren und analysierte deren Medienpräsenz im ersten Jahr einer Buchveröffentlichung. Auch hier gab es insgesamt ein Missverhältnis in der Repräsentation zugunsten der Männer (56 Prozent vs. 44 Prozent). In zwei Fällen erhielten die Autorinnen so gut wie gar keine Aufmerksamkeit in den Medien, während ihre männlichen Kollegen der gleichen Sparte ausführlich in Interviews und Rezensionen gewürdigt wurden.

Bemerkenswert waren hierbei auch die Unterschiede in der Art der Berichterstattung, wenn es um die Autorinnen als Personen ging. Das Alter der Frauen wurde doppelt so häufig erwähnt wie das der Männer. In einem konkreten Fall fokussierte sich der jeweilige Artikel sogar ausschließlich darauf. Viele der Autorinnen, die im zweiten Teil des Emilia-Reports selbst zu Wort kommen, erwähnen, dass sie häufiger nach persönlichen Dingen aus dem Privatleben gefragt werden, die mit ihrer schriftstellerischen Arbeit nichts zu tun haben. Während männliche Kollegen selten bis nie gefragt würden, wie sie denn Vaterschaft und Beruf unter einen Hut bekämen, stünden Kinder und Beziehungsstatus in vielen Autorinnen-Interviews im Vordergrund. Schreiben Frauen über Affären, erwartet man von ihnen pikante Details aus ihrem privaten Nähkästchen. Dabei käme niemand auf die Idee, Bret Easton Ellis die Frage zu stellen, ob er gerne zur Musik von Phil Collins Leute abschlachtet, heißt es im Bericht.

Auch hier zeigt sich also ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung von schreibenden Frauen in der Öffentlichkeit. Man gewinnt schnell den Eindruck, dass Autorinnen weniger ernst genommen werden, in dem was sie tun, als wäre ihr Schreiben das emotionale Ying zum intellektuellen Yang der Männer.

Es gibt Hoffnung. Immer mehr Redaktionen wie der Spiegel oder der Guardian achten auf ein ausgewogenes Verhältnis in ihren Artikeln und Rezensionen, doch solange es Kulturredaktionen gibt, denen zum Ausblick auf das literarische Jahr 2020 nur Männer einfallen, haben wir wohl noch einen weiten Weg vor uns.

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