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Rezension „Die Farbe von Milch“

Okay, okay. Ich habe vielleicht ein wenig geschummelt, als ich dieses Buch in meine #20für2020 Challenge unter der Rubrik „Historisches“ aufgenommen habe. Es hätte andere, passendere Bücher gegeben (die im Geiste auch schon vorgemerkt und in der Tat bereits auf dem Nachttisch geparkt sind).

Aber ich wollte „Die Farbe von Milch“ unbedingt lesen. Seit langem schon! Das kunstvolle Cover, der vielversprechende Klappentext – es war Liebe auf den ersten Blick. Außerdem versprachen die vielen Lobeshymnen in den Besprechungen ein brontë-eskes Feeling. (Ich liebe die Brontës!)
Und hey, eine Reise ins England des 19. Jahrhunderts ist jetzt auch nicht ganz am Thema vorbei.

Meine Erwartungen gingen also in Richtung sturmzersauste Landschaften und leidgeplagte Charaktere, die, den widrigen Umständen trotzend, doch irgendwann ihren Weg finden. Dass mir Nell Leyshon gnadenlos das Herz brechen würde, hatte ich so nicht kommen sehen.

Aufritt Mary.
Mary ist 14 und lebt mit ihrem herrischen Vater, einer gleichgültigen Mutter, drei Schwestern und ihrem Großvater auf einem Bauernhof in der englischen Einöde.
Der Ton ist so rau wie das Wetter und die Brutalität, mit der Marys Vater seine Familie auf Linie hält, scheint so alltäglich, dass sie erschreckend gleichgültig hingenommen wird.

„Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern dass ich über irgendwas traurig bin. Sonst werd ich einfach wieder fröhlich.“

Keine Selbstbestimmung, kein Recht auf Liebe. Das Mädchen, dessen Haare die Farbe von Milch haben, holt sich körperliche Wärme bei der Kuh im Stall und Zuneigung vom bettlägerigen Großvater, dessen einziger Lichtblick die kurzen Gespräche mit ihr sind, wenn sie sich vor den strengen Augen ihres Vaters in seinem „Apfelverließ“ versteckt.

Mary erzählt uns all dies selbst. In einer plumpen und ungelenken Sprache, die weder Kommatas noch die Kennzeichnung wörtlicher Rede kennt, denn Mary hat gerade erst Lesen und Schreiben gelernt. Das mutet anfangs etwas holprig an, macht sie aber umso greifbarer, echter … liebenswerter. Schon nach wenigen Seiten war das eigensinnige Mädchen, das immer sagt, was es denkt, in mein Herz gestolpert.

So ergeht es schließlich auch der Pfarrersfrau, die dank eines Deals zwischen Marys Vater und dem Pfarrer, in den Genuss ihrer erfrischenden Gesellschaft kommt und auf ihre letzten Tage noch einmal aufzublühen scheint. Doch auch wenn Mary im Pfarrhaus zum ersten Mal von jemand anderem als ihrem Großvater ehrliches Interesse und Wertschätzung erfährt – die Sehnsucht nach der vertrauten Umgebung des elterlichen Bauernhofs ist groß.

Und dann ändert ein Schicksalsschlag alles.

»Die Farbe von Milch« ist schwere Kost. Die Darstellung von Gewalt (auch sexueller Natur) ist gerade in seiner (teilweise) kindlichen Verharmlosung nur schwer zu ertragen. Es ist, als würde man ein zartes Pflänzchen dabei beobachten, wie es sich durch harten Betonboden kämpft, nur um dann hilflos mitansehen zu müssen, wie es von einem schweren Schuh zermalmt wird. Auch wenn man von Anfang an ahnt, worauf es hinauslaufen könnte, auch wenn der Geruch von Unheil die gesamte Zeit schon in der Luft hängt, trifft einen das Geschehen schließlich mit voller Wucht.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer hier über Frauen bestimmen, macht wütend, die Hoffnungslosigkeit, die irgendwann auch den letzten Funken Rebellion erstickt, macht sprachlos und traurig.

Und doch kann ich das Buch nur jedem ans Herz legen, denn manchmal braucht es eben genau solche schmerzhaften Geschichten – diesen metaphorischen Schlag in die Magengrube. Denn dies sind die Bücher, die wir so schnell nicht vergessen.

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